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The Origin of Consciousness in the
Breakdown of the Bicameral Mind

German Translation

Der Ursprung des Bewußtsein

Julian Jaynes

(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)

EINFÜHRUNG | ERSTES BUCH | ZWEITES BUCH | DRITTES BUCH

1. Erstes Kapitel: Das Streben nach Autorisierung

2. Zweites Kapitel: Von Propheten und Besessenheit

3. Drittes Kapitel: Von Dichtung und Musik

4. Viertes Kapitel: Die Hypnose

5. Fünftes Kapitel: Die Schizophrenie

6. Sechstes Kapitel: Die Augurien der Wissenschaft


DRITTES BUCH: GEGENWART: RELIKTE DER BIKAMERALEN PSYCHE IN DER MODERNEN WELT

Erstes Kapitel: Das Streben nach Autorisierung

Wir sind nunmehr in der Lage, im Rückblick auf die Universalgeschichte der Menschheit diesen Gegenstand erstmals in seiner natürlichen Form, Farbe und Beleuchtung wahrzunehmen und einige der charakteristischsten Züge in der Physiognomie der letzten drei Jahrtausende als Rudimente einer historisch älteren Mentalität zu begreifen. Freilich müssen wir dabei die Menschheitsgeschichte von der höchsten nur denkbaren Warte aus betrachten. Wir müssen das Menschliche zu diesem Zweck vor den Hintergrund seiner gesamten Evolution rücken: in eine Perspektive, in der die verschiedenen Zivilisationen, einschließlich der unseren, nichts weiter sind als die im Himmelsblau sich abzeichnenden Gipfel eines einzigen Gebirgsmassivs, zu dem wir uns in gebührendem Abstand halten müssen, um seine Umrisse präzise wahrzunehmen. Und aus dieser Perspektive betrachtet, ist ein Jahrtausend eine verschwindend kurze Zeitspanne für einen so tiefgreifenden Wandel wie den Übergang von der Bikameralität zum Bewußtsein.

Auch heute, am Ende des zweiten Jahrtausends n. Chr., stecken wir in gewisser Hinsicht noch tief drinnen in diesem Übergang zu einer neuen Mentalität. Und rund um uns her verstreut liegen die Überreste unserer bikameralen jüngsten Vergangenheit. Wir haben Gottes-Häuser, die unsere Geburt registrieren, unsere Identität bestimmen, unsere Ehe schließen, uns die Beichte abnehmen und als Mittler bei den Göttern die Vergebung unserer Sünden erwirken. Unser Recht gründet in Wertbegriffen, die ohne Bezug auf göttliche Satzung inhaltslos und nicht durchsetzbar wären. Unsere Nationalhymnen (»God Bless The Queen«) und staatlich verordneten Devisen (»Gott mit uns«, »In God We Trust«) appellieren in aller Regel an die göttliche Vorsehung. Unsere Staatsoberhäupter, Minister, Richter und Beamten beginnen ihre Amtslaufbahn mit einer den heute schweigenden Göttern gegenüber abgegebenen Eidesverpflichtung, die auf den Text des göttlichen Wortes abgelegt wird, so wie es von jenen hinterlassen wurde, die es als letzte mit eigenen Ohren gehört haben.

Das augenfälligste und bedeutendste Relikt jener älteren Mentalität ist demnach unser religiöses Erbe in all seiner labyrinthischen Schönheit und Formenvielfalt. Die überragende Bedeutung, die der Religion sowohl in der allgemeinen Weltgeschichte als auch in der Lebensgeschichte des Durchschnittserdenbürgers zukommt, liegt für jeden halbwegs objektiven Betrachter klar auf der Hand und bräuchte nicht eigens betont zu werden, wären da nicht bestimmte wissenschaftliche Auffassungen vom Menschen, die sich schwer damit tun, diese in ihrer Offenkundigkeit fast schon banale Tatsache gelten zu lassen. Denn allem zum Trotz, was rationalistischmaterialistische Wissenschaft seit der Wissenschaftlichen Revolution als Konsequenz ihrer Entdeckungen ausgibt, hat die Menschheit als ganze niemals aufgehört, ist nicht im Begriff aufzuhören und wird vielleicht auch niemals aufhören können, fasziniert zu sein von irgendeinem Verhältnis zwischen dem Menschen und einem »Umgreifenden« und »Ganz Anderen«, einem »mysterium tremendum et fascinosum« voller Kräfte und Einsichten, die alle linkshemisphärischen Kategorien sprengen, zu einer zwangsläufig unbegreiflich dunklen Wesenheit, der man sich nicht in der Atmosphäre klarer Begriffsbildung nähert, sondern mit der man ehrfurchtsvoll staunend und namenlos ergriffen kommuniziert, einer Wesenheit, die sich für den modernen Gläubigen nicht so sehr in linkshemisphärischverbalen Ausdrucksformen als vielmehr in Gefühlswahrheiten mitteilt, so daß sie in unserer Zeit um so wahrhaftiger erlebt wird, je weniger sie in Worte zu fassen ist: die Empfindungskonfiguration eines »Selbst« in Relation zu einem numinosen »Anderen«, der in Augenblicken schwärzesten Kummers keiner von uns entgeht – wie ja auch schon der unendlich viel geringfügigere Kummer, eine Entscheidung treffen zu müssen, diese Konfiguration überhaupt erst zuwege brachte.

Dazu wäre noch manches – noch vieles – zu sagen. Wollte man das Thema in aller Ausführlichkeit erörtern, müßte man beispielsweise mit Einzelheiten belegen, wie die von Jesus angestrebte Reform des Judentums sich begrifflich rekonstruieren läßt als Entwurf einer Religion für subjektiv bewußte Menschen, die eine bikameral verwurzelte Religion ersetzen sollte und damit zwangsläufig zur Neustiftung geriet. Verhaltensmodifikationen müssen nun von drinnen, aus dem neuen Bewußtsein heraus, kommen und nicht mehr durch die Außenleitung mosaischer Gesetze bewirkt werden. Sünde und Buße bestehen nun in bewußter Gier und bewußter Reue, nicht mehr im Verstoß gegen die äußeren Verhaltensgebote der Zehn Gebote und in Tempelopfern und öffentlicher Bestrafung. Das Reich Gottes, das gewonnen werden soll, ist ein psychologisches, kein materielles Reich. Es ist metaphorisch, nicht buchstäblich zu nehmen. »In euch« und »nicht von dieser Welt«, der Welt des Raum-Zeit-Koordinatens ystems.

Doch auch das Christentum hält im Lauf seiner Geschichte seinem Stifter nicht die Treue – kann sie ihm nicht halten. Wieder und wieder kehrt die Entwicklung der christlichen Kirche zurück zum alten, wohlbekannten Verlangen nach den absoluten Gewißheiten der Bikameralität: verzichtend auf das schwer zu erlangende innere Reich der agape, bindet sie sich an eine äußere Hierarchie, die durch ein Wolkenmeer von Wundern und Unfehlbarkeit hindurch hinaufreicht bis zur archaischen Autorisierungsinstanz in den fernen Himmeln. In den vorausgegangenen Abschnitten dieses Buchs habe ich mehrfach auf diese und jene Parallele zwischen antikbikameralen und modernreligiösen Praktiken hingewiesen, und diese Gegenüberstellung noch weiter auszubauen gehört hier nicht zu meiner Sache.


Desgleichen würde es den Rahmen dieses Buches sprengen, hier nun in aller Ausführlichkeit erkunden zu wollen, welcher Zusammenhang zwischen bestimmten Entwicklungen im Profanbereich und ihrer Herkunft aus einer andersgearteten Mentalität besteht. Ich denke da zum ersten an die Geschichte der Logik und des rationalen Denkens von der Bildung des Logosbegriffs im antiken Griechenland bis hin den Computern und der Computerwissenschaft unserer Tage, aber auch an den historischen Prunkzug der philosophischen Systeme mit ihrem Bemühen, eine allumfassende Seinsmetapher zu finden, in der wir unserem Bewußtsein Vertrautes wiederzuentdecken vermögen und die es uns damit ermöglicht, uns im Universum heimisch zu fühlen. Ich denke ferner an unsere Anstrengungen, moralische Systemgebäude zu errichten: Versuche, mit Hilfe bewußter Rationalität Ersatz zu schaffen für die frühere Gottgewolltheit unseres Tuns – Ersatz, der normative Verbindlichkeit solchen Grades besäße, daß wenigstens noch ein Abglanz unserer früheren Hörigkeit gegenüber den halluzinierten Stimmen in ihr wiederzuerkennen wäre. Und ich denke an die Zyklen der politischen Geschichte, an corso und ricorso unserer unsicheren Bemühungen, menschliche Regierungsgewalt zu instituieren anstelle der göttlichen und weltliche Rechtsordnungen aufzustellen, welche die ehemals göttliche Funktion erfüllen, uns zu einem in sich gegliederten, stabilen und gemeinwohlorientierten Sozialkörper zu verbinden.

Diese weitausgreifenden Fragestellungen sind zugleich die wichtigsten. Doch hier, im vorliegenden Kapitel, möchte ich in die Thematik dieses Dritten Buches zunächst in der Weise einführen, daß ich mich mit etwa einem halben Dutzend nicht ganz so bedeutsamer Eigentümlichkeiten der Antike beschäftige, die sich klar und eindeutig als Relikte der älteren Mentalität zu erkennen geben. Ich wähle diese Vorgehensweise, weil von den betreffenden geschichtlichen Erscheinungen Licht auch auf einige noch klärungsbedürftige Punkte des Ersten und Zweiten Buches fällt.

Kennzeichnend für derlei Relikte der älteren Mentalität ist es, daß sie sich als solche in der komplexen Gesamtheit der historischen Erscheinungen um so eindeutiger abzeichnen, je näher wir uns noch dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche befinden. Das ist leicht zu erklären: Während die universellen Merkmale des neuen Bewußtseins, wie etwa Selbstreferenz, »innerer« Raum oder Narrativität, im Schlepptau sprachlicher Innovation ein rasches Entwicklungstempo erreichen, verändert sich demgegenüber der umfassende zivilisatorische Rahmen, die allgemeine Kulturlandschaft nur mit geologischen Entwicklungstempi vergleichbarer Langsamkeit. Inhalte und Formen früherer Zivilisationsalter wandern ungeschwächt in neue Epochen ein und mit ihnen die alten Schläuche überholten Brauchtums, in die der Wein der neuen Mentalität sich vorerst noch fassen lassen muß.

Doch mit in diese Schläuche gefaßt ist eine verbissene Suche nach, wie ich es nennen möchte, archaischer Autorität. Auch nach dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche wird die Welt in gewissem Sinn noch von Göttern regiert: von Proklamationen, und Gesetzen und Verordnungen aus bikameralen Zeiten, die auf Stelen gemeißelt oder auf Papyrus geschrieben sind oder im Gedächtnis alter Menschen überdauern. Doch die Dissonanz ist bereits da. Wieso lassen sich die Götter nicht mehr hören und sehen? Das Verlangen, in dieser Frage beschwichtigt zu werden, äußert sich in den Psalmen mit unüberhörbarer Lautstärke. Zu seiner Befriedigung wird mehr gefordert als historische Überlieferungen und die wohlfeilen Beteuerungen der Priester, die mit derlei Zusicherungen ja schließlich ihren Lebensunterhalt verdienen. Nämlich Handfestes, Greifbares, unvermittelt Daseiendes, direkt Erfahrbares und als solches die Gewähr dafür, daß die Götter nur verstummt und nicht tot sind, daß hinter all diesem schwankenden Herumtappen nach den Zeichen absoluter Gewißheit auch wirklich ein absolut Gewisses steckt, dessen man innewerden kann.

Während also die langsam absinkende Flut der Götterstimmen und Göttererscheinungen wachsende Bevölkerungsteile auf den Sandbänken der subjektiven Ungewißheit absetzt, wächst zugleich die Vielfalt der Techniken, mit deren Hilfe der Mensch die unterbrochene Verbindung zum Ozean der Gewißheit wiederherzustellen versucht. Propheten, Poeten, Orakel, Mantiker, Götzendienst, Astrologen, inspirierte Heilige und Dämonenbesessene, Tarotkarten, Alphabettafeln, Päpste und Peyote – das alles ist Rückstand der Bikameralität, der mit fortschreitender Zeit, während Ungewißheit sich auf Ungewißheit türmt, mehr und mehr zusammenschmilzt. In diesem und dem folgenden Kapitel werden wir uns einige mehr archaische Ruditmentformen der bikameralen Psyche aus der Nähe ansehen.


ORAKEL

Die ungebrochenste Form rudimentärer Bikameralität ist schlicht deren Weiterleben in bestimmten Menschen, namentlich Wanderpropheten, wie sie im Sechsten Kapitel des Zweiten Buches (Seite 378 ff) besprochen wurden, oder institutionalisierten Orakeln, denen wir uns im folgenden zuwenden wollen. Zwar existiert eine Reihe von Tontafe ln aus dem siebten Jahrhundert v. Chr., auf denen assyrische Orakel beschrieben sind; ein noch älteres Orakel des Amun befand sich im ägyptischen Theben; doch sind es die griechischen Orakel, denen sich unsere zuverlässigsten Kenntnisse dieser Einrichtung verdanken. Nach dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche blieb die Befragung des Orakels in Griechenland über ein Jahrtausend, lang der Königsweg, um in wichtigen Fragen zu einer Entscheidung zu kommen – ein Umstand, dem infolge des plakativen Rationalismus moderner Historiker in der Regel die gebührende Beachtung versagt wird. Orakel sind so etwas wie die Nabelschnur, mit der die Subjektivität dem mütterlichen Nährboden der subjektlosen Vergangenheit verhaftet bleibt.


Das Delphische Orakel

Mit dem eben gebrauchten Bild stimmt überein, daß sich an der Stätte des berühmtesten Orakels – des Apollon-Orakels zu Delphi – ein seltsamer konisch geformter Stein, genannt der omphalos, der »Nabel«, befand. Er bezeichnete den Mittelpunkt der Erde. Hier waltete an bestimmten Tagen des Jahres – während einiger Jahrhunderte sogar tagtäglich – eine Hohepriesterin ihres Amtes, zuweilen auch zwei oder drei in zyklischem Turnus, für deren Auswahl und Ernennung, soweit wir von diesen Dingen Kenntnis haben, keinerlei besondere Kriterien maßgebend waren (zur Zeit Plutarchs, im ersten Jahrhundert v. Chr., war die KPythia« ein einfaches Bauernmädchen).1 Nach einem Reinigungsbad und einem Trunk aus einem geweihten Bach nahm sie vermittels des ihm heiligen Baumes, des Lorbeers, Fühlung mit dem Gott auf2 (was an die Pinienzapfen erinnert, mit denen auf assyrischen Reliefbildern die Genien den schon subjektivbewußten König bestreichen). Die Prozedur bestand entweder darin, daß sie einfach nur einen Lorbeerzweig in Händen hielt oder (wie Plutarch meint) den Rauch verbrannter Lorbeerblätter einatmete und sich mit ihm beräucherte, möglicherweise aber auch (wie Lukian behauptet) im Kauen von Lorbeerblättern.

Die Fragen, die ihr vorgelegt wurden, beantwortete sie spontan, ohne Nachdenken und Intervall. Die genauen Umstände, unter denen sie ihre Auskünfte erteilte – ob vom Dreifuß (einem, so nimmt man an, zum Apollonkult gehörenden Inventarstück) herunter oder einfach in einem Höhleneingang postiert-, sind bis heute umstritten.3 Einig jedoch sind sich alle antiken Quellen vom fünften Jahrhundert v. Chr. an, daß sie, um Heraklit zu zitieren (Fr. 92), »mit rasendem Munde Ungelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet und mit ihrer Stimme durch tausend Jahre reicht«: sie war entheos, plena deo. Mit der Zunge seiner Priesterin – doch stets in der ersten grammatischen Personsprechend, stand »Apollon«, sei’s König; sei’s Freigelassenem, Rede und Antwort, bestimmte die Gründungsstätten neuer Kolonien (wie zum Beispiel des heutigen Istanbul), entschied, welche fremden Völker als Freunde oder Feinde zu gelten hatten, welche Herrscher ein gutes Regiment führten, welche Gesetze zu erlassen seien, machte die Ursachen von Seuchen und Hungersnöten namhaft, nannte die besten Handelsrouten und gab bekannt, was aus der Flut neuer Kulte, Musik- und Kunstformen als dem Apollon wohlgefällig zu betrachten sei – das alles lag in der Entscheidung dieser Mädchen mit dem »rasenden Munde«.


Das ist nun wahrhaftig eine erstaunliche Sache! Uns ist das Delphische Orakel aus den Schulbüchern so geläufig, daß wir nur mehr mit achselzuckender Gleichgültigkeit von ihm hören – während in Wahrheit hier höchstes Interesse am Platze wäre. Wie reimt man es sich zusammen, daß irgendeine Unschuld vom Lande, die keine besonderen Voraussetzungen mitbringen mußte, dazu ausgebildet werden konnte, sich in einen psychischen Zustand zu versetzen, in dem sie spontan weltbewegende Entscheidungen zu treffen vermochte?

Der verstockte Rationalist rümpft hier nur die Nase: »plena deo – wer’s glaubt, wird selig.« So wie es ihm immer wieder gelingt, die »Medien« unserer Zeiten als Betrüger zu entlarven, genauso ist er auch überzeugt, daß diese sogenannten Orakel nichts weiter waren als eine Form des Priestertrugs, ein von Drahtziehern im Hintergrund für ungebildete Bauerntölpel zwecks Macht- oder Geldgewinn manipuliertes Illusionstheater.

Aber diese » Realpolitiker«-Attitüde ist im allerbesten Fall nur ein Beispiel doktrinären Dogmatismus. Zugegeben, in der Endphase des Orakelkults könnte mitunter Manipulation im Spiel gewesen sein, etwa in Form von Bestechung der prophetai, der Unterpriester und -priesterinnen, die das Gestammel des Orakels auslegten und verkündeten. Was jedoch die davorliegende Geschichte des Orakels betrifft, so ist es schlicht und einfach undenkbar, daß es möglich gewesen sein sollte, einen derart frechen Betrug vor der geistig hellsten Nation, die bis dahin in der Geschichte aufgetreten war, über tausend Jahre lang aufrechtzuerhalten. Auch bliebe in diesem Fall die Tatsache unerklärlich, daß vor Beginn der Römerherrschaft niemals auch nur der geringste Zweifel an dem Orakel laut wurde. Und ebenso unerklärlich wäre, wieso ausgerechnet der in politischen Dingen abgeklärt und bisweilen sogar zynisch urteilende Platon das Delphische Orakel als den »angestammten Ratgeber (in Religionsfragen) für alle Menschen« bezeichnet.4

In der volkstümlichen und gelegentlich auch noch in der Fachliteratur spukt eine Erklärung anderer Art – genaugenommen eine Quasi-Erklärung – herum, die das Phänomen auf einen biochemischen Vorgang reduzieren möchte. Ihr zufolge war der Trancezustand durchaus echt, allerdings durch irgendwelche Dämpfe verursacht, die aus einem chasma, einem Erdspalt, im Boden der Höhle drangen. Durch die französischen Ausgrabungen des Jahres 1903 sowie neuere Ausgrabungen ist jedoch klar erwiesen, daß ein solches chasma nicht existiert hat.5

Nun könnte ja aber auch ein im Lorbeer enthaltenes Rauschmittel diese appollinischen Zustände bewirkt haben. Um diese Möglichkeit zu überprüfen, habe ich massenweise zerstoßene Lorbeerblätter in meiner Pfeife geraucht, mit dem Ergebnis, daß mir ein bißchen übel wurde, ohne daß ich mich freilich erhobener gefühlt hätte als sonst. Auch gekaut habe ich die Blätter über eine Stunde lang und muß in betreff meines anschließenden Gemütszustands sagen, er war Jaynesischer als je – von apollinisch, leider!, keine Spur.6 Die Begeisterung, mit der man hinter Erklärungen herjagt, die das Phänomen in Äußerlichkeiten aufzulösen vorgeben, ist einfach nur ein Ausdruck des in bestimmten Kreisen vorhandenen Sichsträubens, die Existenz von psychologischen Phänomenen dieses Typs überhaupt zuzugeben.

Demgegenüber möchte ich für meinen Teil eine ganz anders geartete Erklärung vorschlagen. Zu diesem Zweck ist es zunächst erforderlich, den Begriff des »allgemeinen bikameralen Paradigmas« einzuführen.


Das allgemeine bikamerale Paradigma

Mit diesem Ausdruck bezeichne ich die hypothetische Tiefenstruktur einer umfangreichen Klasse von Erscheinungen des verminderten Bewußtseins, die nach meiner Interpretation als partielle Relikte unserer früheren Mentalität zu begreifen sind. Folgende vier Einzelmomente machen das Paradigma aus:

– der kollektive kognitive Imperativ: ein System von kollektiven Glaubensüberzeugungen oder von auf kultureller Übereinkunft beruhenden Erwartungen und Vorschriften, das durch Vorgabe eines Rollenkatalogs und eines Szenarios über die bestimmte Form des jeweiligen Phänomens entscheidet; die Induktion: ein als formelles Ritual ausgebildetes Verfahren zur Verengung des Bewußtseins durch Fokussieren der Aufmerksamkeit auf einen stark eingeschränkten Feldausschnitt;

– der eigentliche Trancezustand als Reaktion auf die zwei zuvor genannten Momente; seine Kennzeichen sind: Minderung des Bewußtseins, gegebenenfalls bis zum vollständigen Schwund, sowie Schwächung des Analogons »Ich«, gegebenenfalls bis zum vollständigen Verlust, mit daraus resultierender Offenheit für eine von der Bezugsgruppe akzeptierte, tolerierte oder beifällig unterstützte Rolle;

– die archaische Autorisierungsinstanz, die in der Trance angepeilt wird beziehungsweise deren Raison d’etre ist; meist ist es ein Gott, mitunter jedoch auch ein Mensch, dem von dem Individuum und seiner Kultur Autorität über das Individuum eingeräumt wird und dem der kollektive kognitive Imperativ die Verantwortung für alles, was in der Trance geschieht, in normativer Form überschrieben hat.


Diese Aufzählung sollte nun allerdings nicht zu dem Schluß verleiten, daß die einzelnen Momente des allgemeinen bikameralen Paradigmas zeitlich nacheinander auftreten. Zwar ist es bei Induktion und Trance so, daß sie im Regelfall zeitlich aufeinanderfolgen, doch der kognitive Imperativ und die archaische Autorität sind von Anfang bis Ende durchgängig an dem Geschehen beteiligt. Überdies herrscht zwischen den einzelnen Momenten eine Art Gleichgewichtsverhältnis oder so etwas wie Summenkonstanz: je schwächer das eine, desto stärker müssen die drei anderen zusammen sein, damit es zu dem fraglichen bikameralen Phänomen kommt. Das erklärt, warum mit fortschreitender Zeit und insbesondere im Lauf des ersten Jahrtausends nach Erscheinen des Bewußtseins (parallel zur Abschwächung des kollektiven kognitiven Imperativs oder anders ausgedrückt – zur wachsenden Skepsis gegenüber archaischer Autorität beim Durchschnittsmenschen) die Induktionsprozeduren zusehends wichtiger und komplizierter werden und die Trancezustände immer tiefer.

Das allgemeine bikamerale Paradigma ist eine Struktur nicht nur im Sinn einer logischen Struktur, die sich analytisch in den fraglichen Phänomenen auffinden läßt, sondern auch in dem Sinn, daß es eine – derzeit noch nicht spezifizierbare – neurologische Struktur bezeichnet: ein Vernetzungsschema zwischen bestimmten Gehirnzentren, das man sich vielleicht ähnlich wie das im Fünften Kapitel des Ersten Buchs ausgeführte Modell der bikameralen Psyche vorzustellen hat (vgl. Seite 128-158). Wir dürfen also damit rechnen, daß an allen in diesem Dritten Buch behandelten Phänomenen rechtshemisphärische Funktionen in einer Weise beteiligt sind, die mehr oder minder von der Funktionsweise des alltäglichen Bewußtseinslebens abweicht. Denkbar wäre sogar, daß wir es bei einem Teil dieser Phänomene mit einer zeitweiligen partiellen Dominanz der rechten Hemisphäre zu tun haben, die wir als das neurologische Residuum der neuntausend Jahre umspannenden Selektion zur Bikameralität betrachten dürfen.

Die Übereinstimmung zwischen diesem allgemeinen bikameralen Paradigma und dem Delphischen Orakel ist in den ausgefeilten Induktionsprozeduren, dem Trancezustand mit vollständigem Bewußtseinsschwund und dem inbrünstigen Verlangen nach der Autorität des Apollon mit Händen zu greifen. Was ich jedoch in diesem Fall besonders hervorheben möchte, ist der kollektive kognitive Imperativ oder der Gruppenglaube oder die kulturelle Vorgabe oder Erwartung (alle diese Ausdrücke umschreiben das Gemeinte auf je verschiedene Weise). Das volle Gewicht der gewaltigen Kulturforderung, die auf der verzückten Priesterin lastete, können wir uns kaum übertrieben vorstellen. Die gesamte griechische Welt glaubte – glaubte mit dem Glauben, der nahezu ein Jahrtausend währte. Bis zu 35000 Menschen, zu Schiff aus allen Gegenden des Mittelmeerraums angereist, zwängten sich täglich durch den winzigen Hafen von Itea, der sich in die einladende Bucht genau unterhalb von Delphi schmiegt. Auch sie unterzogen sich Induktionsprozeduren, indem sie im Wasser der Kastalischen Quelle badeten und anschließend auf dem Heiligen Weg dem Apollon und arideren Göttern opferten. In den letzten Jahrhunderten des Orakelkults war dieser rund zweihundert Meter lange Kletterpfad über den Hang des Parnässos hinauf zum Heiligtum von mehr als viertausend Votivstatuen gesäumt. In diesem mächtigen Strom konkretisierter sozialer Norm und Erwartung – diese Begriffe kommen der gemeinten Sache näher als etwa der des bloßen Überzeugtseins im Sinne von »für wahr halten« – liegen nach meiner Meinung die Erklärungsgründe für die Psychologie der Sibylle, zumal für das Wieausder-Pistole- Geschossen ihrer Antworten. Hier handelte es sich um etwas, demgegenüber auch nur die leisteste Skepsis ebenso unmöglich war, wie es für uns unmöglich ist zu bezweifeln, daß die Worte, die wir im Radio hören, in einem für uns momentan unsichtbaren Studio erzeugt werden. Und es handelt sich um etwas, das die moderne Psychologie nur mit ehrfürchtigem Staunen quittieren kann.

Neben jener ursächlich wirkenden Erwartung ist noch die natürliche Szenerie zu bedenken. Orakelkulte haben ihren Ursprung an Orten, wo ganz bestimmte natürliche Bedingungen vorherrschen, Gebirgsformationen oder Schluchten, oder was dergleichen sonst eine eigenartig ehrfurchteinflößende Wirkung ausübt, mit halluzinogenem Windgeräusch oder Wellenspiel, symbolträchtigen Lichteffekten und Fernblicken – Gegebenheiten, die, wie ic h meine, jede für sich und erst recht im Zusammenspiel weit mehr dazu angetan sind, Aktivitäten der rechten Hirnhemisphäre zu entbinden, als die analytischen Funktionsbereiche des Alltagslebens anzusprechen. Man darf vielleicht sagen, daß die Geographie der bikameralen Psyche zu Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr. zusammenschrumpfte auf solche Plätze von ehrfurchtgebietender Schönheit und Erhabenheit, wo sich die Stimmen der Götter noch immer vernehmen ließen.

Zweifellos passen die gewaltigen Steilwände von Delphi in jeder Hinsicht zu dieser These, wie man es sich besser nicht wünschen kann: ein Kessel aus nacktem Gestein hoch über dem Meeresspiegel, auf dessen Rand der Seewind orgelt, an dessen Wänden Salzdunst haftet, als ob die Natur, sich reckend und streckend, aus einem Traum aufwache, das Ganze nach einer Seite hin sich öffnend dem Blick, der über eine ihm entgegenbrandende blaue Woge von flirrenden Olivenblättern hinabstürzt in die unsterbliche graue See.

(Allerdings ist es für uns heute schwierig, das ehrfurchteinflößende Moment solcher Szenerien richtig einzuschätzen, denn die Unverfälschtheit unserer Reaktion auf Landschaften wird durch die vorhandene »Innenwelt« des Bewußtseins ebenso getrübt wie durch unsere Erlebnisse mit raschen geographischen Ortswechseln. Zudem ist Delphi auch nicht mehr ganz das, was es einmal war. Was sich da auf zwanzigtausend Quadratmetern Boden an Säulenstümpfen, munteren Kritzeleien, kameraschwenkenden Touristen und von scheinbar kopflos hin und her rennenden ameisenartigen Menschenmassen, die zwischen weißen Marmorbrocken umherwimmeln, präsentiert, ist nicht gerade der Stoff, aus dem die göttlichen Inspirationen sind.)


Andere Orakel

Für eine kulturelle Erklärung des Orakels von Delphi spricht insbesondere auch der Umstand, daß ähnliche, wenn auch minder bedeutende Orakel damals überall in der zivilisierten Welt anzutreffen waren. Apollon hatte noch andere Orakel: zu Aidepsos in Euboia, am Berge Ptoon, zu Hysiai in Boiotien, in Argos sowie zu Didyma und Patara in Kleinasien. Bei letzterem gehörte es mit zur Induktionsprozedur, daß die Oberpriesterin während der Nacht vor dem Orakeltag im Tempel eingeschlossen wurde, damit der halluzinierte Gott ihr beiwohnen und sie hinterher um so besser als sein Medium fungieren konnte.7 Dem Apollon von Klaros dienten männliche Priester als Orakel.8 Ein Orakel des Pan, das zu Akazesion bestanden hatte, war schon frühzeitig wieder eingeschlafen.9 Zu Ephesos, dessen goldenes Orakel wegen seines enormen Reichtums berühmt war, offenbarte sic h die Göttin Artetuis durch den Mund verzückter Eunuchen10 (deren Kleidungsstil, wie nebenbei vermerkt sei, in der griechischorthodoxen Kirche noch heute in Gebrauch ist). Und der unnatürliche Spitzentanz moderner Ballerinen wird auf die Tänze, die man vor dem Altar dieser Göttin aufführte, zurückgeführt.11 Alles, was aus dem Rahmen des Alltäglichen herausfällt, kann als Hinweisreiz für die Aktivierung des allgemeinen bikameralen Paradigmas dienen.

Die Stimme des Zeus zu Dodona muß eines der ältesten Orakel gewesen sein, denn Homer berichtet, daß Odysseus es aufgesucht habe, »damit er aus der hochbelaubten Eiche des Gottes den Rat ... vernähme: auf welche Weise er in den fetten Gau von Ithaka heimkehren möchte ... ob offen oder heimlich«.12 Es scheint sich demnach zur fraglichen Zeit um nichts weiter gehandelt zu haben als um einen mächtigen heiligen Eichbaum, in dessen Nähe aus dem Rascheln des Windes in den Blättern die Stimme des Olympiers halluziniert wurde – was einen zu der Frage führt, ob nicht vielleicht etwas Ähnliches auch bei den Druiden Brauch und der Grund dafür war, daß sie den Eichbaum heilig hielten. Erst vom fünften Jahrhundert v. Chr. an ist die Stimme des Zeus nicht mehr unvermittelt zu hören, woraufhin Dodona einen Tempel erhält und eine Priesterin, die in bewußtloser Ekstase anstelle des Gottes spricht13: auch dies entspricht wieder dem aus der Theorie der Bikameralität ableitbaren chronologischen Etappenschema.

Nicht nur die Stimmen von Göttern, sondern auch die verstorbener Könige waren im bikameralen Modus zu hören (wir haben ja an früherer Stelle bereits ausgeführt, wie die Götter überhaupt erst aus den letzteren erwuchsen). Amphiaraos, sagenhafter Fürst von Argos während des heroischen Zeitalters, findet, nicht ohne Zutun eines ergrimmten Zeus, den Tod in einem jäh sich auftuenden Erdspalt, der ihn samt Rossen und Wagen verschlingt. Seine Stimme war jahrhundertelang mit Antworten auf die Fragen von Ratsuchenden aus jener Kluft zu hören. Aber auch hier ergab sich im Lauf der Jahrhunderte wieder die Situation, daß es nur noch bestimmten, an Ort und Stelle lebenden Priesterinnen gelang, in Verzückung die »Stimme« zu halluzinieren. In dieser späteren Phase beantwortete das Orakel nicht mehr Fragen, sondern deutete die Träume der Ratsuchenden.14

Der aus der Perspektive der Bikameralitätshypothese in mancher Hinsicht interessanteste Fall ist jedoch die halluzinierte Stimme des Trophonios zu Lebadeia, einem rund dreißig Kilometer östlich von Delphi gelegenen Ort. Es ist nämlich von allen »Stimmen« diejenige, die am längsten direkt, ohne Vermittlung von Priestern oder Priesterinnen, zu hören war. Der Lageplatz des Orakels gibt auch heute noch etwas von dem ehrfurchtgebietenden Charakter zu erkennen, den er einmal im Altertum besaß: drei hochragende Steilhänge treffen hier zusammen, murmelnde Gewässer quellen aus dem Boden des weihevollen Ortes, um sich bescheiden in Steinschluchten zu verlaufen, und ein Stück weiter oben, wo eine der Schluchten in Windungen ins Innere des Bergmassivs vorzudringen beginnt, befand sich in dem Gestein ehemals eine kammerähnliche Vertiefung, von der eine Art Kamin abwärts in das Heiligtum, eine backofenähnliche Höhlung über einem unterirdischen Wasserlauf, führte.

Erleidet der kollektive kognitive Imperativ im Rahmen des allgemeinen bikameralen Paradigmas eine Schwächung, anders ausgedrückt: sind Gläubigkeit und Vertrauen gegenüber den erwähnten Phänomenen infolge zunehmender Rationalität im Schwinden begriffen, so wird zum Ausgleich dafür das Induktionsverfahren langwieriger und komplizierter, zumal wenn es keine geschulte Priesterin, sondern irgendein Laie ist, der sich ihm unterzieht. Genau dieser Fall trat in Lebadeia ein. Der römische Reisende Pausanias schildert die ausgeklügelte Induktionsprozedur, mit der er es dort im Jahr 150 n. Chr. zu tun bekam.15 Nach langen, in steigender Erwartung mit Läuterungsritcn und Omenschau hingebrachten Tagen des Ausharrens, so berichtet er, wurde er eines Nachts ohne Vorankündigung von zwei geweihten Jünglingen gepackt, gebadet und gesalbt; dann gab man ihm zunächst Wasser aus dem Lethefluß zu trinken, damit er vergäße, wer er sei (Auslöschung des »Ich quaAnalogon«), und im Anschluß daran einen Schluck aus dem Quell der Mnemosyne, damit er sich später dessen entsinne, was ihm offenbart werden würde (ein der posthypnotischen Suggestion vergleichbarer Akt). Dann ließ man ihn ein geheimes Götterbild anbeten, hüllte ihn in geweihte Wäsche, gürtete ihn mit geweihten Bändern und legte ihm spezielles Schuhwerk an, und erst nachdem weitere Omenbefragungen günstige Vorzeichen erbracht hatten, wurde er zu guter Letzt über eine profane Leiter in die Höhle der Heiligkeit hinabgelassen, wo der schwarze Gießbach schäumte und das Orakel alsbald seine göttliche Botschaft verlauten ließ.


Die sechs Stadien des Orakulierens

Im Rahmen der Entwicklung des Griechentums von universeller psychischer Bikameralität zur universellen Ausbreitung des Bewußtseins unterliegen die als Relikte der bikameralen Welt zu verstehenden Orakel und ihre Autorität über die Menschen einem Wandel, der jene immer fragwürdiger und diese immer schwieriger zu erlangen macht. In dem Vorgang ist ein grobes Schema zu erkennen, das etwa so zu umschreiben wäre: Während der tausend Jahre ihres Bestehens befanden sich die Orakel in stetigem Niedergang, der sich in sechs Stadien unterteilen läßt. Diese sechs Stadien kann man als ebenso viele Etappen im Verfall des kollektiven kognitiven Imperativs der bikameralen Psyche betrachten.


1. Orakel durch die Ortsbeschaffenheit. Die Urformen des Orakels sind einfach nur bestimmte Örtlichkeiten, die ein feierliches, eine ehrfürchtige Stimmung erweckendes Ansehen hatten und/oder als Schauplatz eines bedeutsamen Ereignisses galten und/oder wo Lichteffekte, Geräuschkulisse, der Wind, die Meereswellen, Wasserläufe und ähnliches halluzinogene Bedingungen schufen, so daß Ratsuchende – und zwar xbeliebige laienhafte Ratsuchende – dort nach wie vor unmittelbar eine bikamerale Stimme »hören« konnten.


2. Orakel durch Propheten. In der Regel folgte auf das eben beschriebene Stadium eines, in dem nur noch bestimmte Personen, Priester oder Priesterinnen, die göttliche Stimme an dem betreffenden Ort zu »hören« vermochten.


3. Orakel durch geschulte Propheten. Im dritten Stadium vermochten diese Personen – Priester oder Priesterinnen – ihrerseits die Stimme erst nach langer Schulung und, im konkreten Fall, umständlicher Induktion zuhören«. Bis in dieses Stadium war die Seher-Person noch »bei sich« und übermittelte selbst die Rede des Gottes ans allgemeine Publikum.


4. Orakulieren im Zustand der Besessenheit. Spätestens im fünften Jahrhundert v. Chr. tritt als nächstes in der Reihe das Stadium des besessenen Orakulierens ein: das Stadium des »räsenden Mundes« und der Körperverrenkungen, die noch weitergehende Schulung und noch aufwendigere Induktionsprozeduren zur Voraussetzung haben.


5. Gedolmetschtes besessenes Orakulieren. Mit zunehmender Abschwächung des kognitiven Imperativs wurde die Sprache des Mediums stammelnd und verworren und mußte von Unterpriestern oder -priesterinnen in verständlichen Ausdruck übersetzt und gegebenenfalls auch interpretiert werden; auch diese assistierenden Priester mußten sich zur Ausübung ihrer Funktion einer Induktion unterziehen.


6. Das inkohärente Orakel. Doch damit der Schwierigkeiten nicht genug: Die Stimmen wurden unberechenbar, der Ausdruck des Mediums inkohärent bis zur Undeutbarkeit – und damit erlosch die Institution.


Das Delphische Orakel bestand am längsten. Seine lange Lebensdauer ist der schlagende Beweis dafür, welch überragende Bedeutung es für die gottessehnsüchtige Subjektivität im Griechenland des Goldenen Zeitalters gehabt haben muß, eine Bedeutung, die zu ermessen man erst dann in der Lage ist, wenn man sich klarmacht, daß dieses Orakel fast jedesmal, wenn fremde Eroberer in Griechenland einfielen, die Partei der Invasoren ergriff: So sprach es im frühen fünften Jahrhundert v. Chr. für Xerxes I., im vierten Jahrhundert v. Chr. für Philipp II. von Makedonien, und noch im Peloponnesischen Krieg schlug es sich auf die Seite der Spartaner. Vor diesem Hintergrund wird ablesbar, welchen Rang das Orakel unter den geschichtsformenden Kräften einnahm. Sogar der quicke Spott; den ein patriotisch verbitterter Euripides im Theater über es ausgoß, vermochte ihm nichts anzuhaben.

Doch mit dem ersten Jahrhundert n. Chr. war das Delphische Orakel in sein letztes Stadium eingetreten. Während die Bik am Eralität immer tiefer in einer von der Erinnerung abgeschnittenen Vergangenheit versank, hatte der Skeptizismus den Glauben überrundet. Der ehemals machtvolle kulturelle kognitive Imperativ, der das Orakelwesen gestützt hatte, zog nicht mehr und versagte, und immer öfter endete die ganze Veranstaltung in einer Panne. Ein derartiger Fall aus dem Jahr 60 n. Chr. ist bei Plutarch überliefert. Die Seherin versuchte widerwillig, sich in Trance zu versetzen, obgleich die Auspizien Unheil verkündet hatten. Wie in tiefer Verstörung hob sie mit heiserer Stimme an zu sprechen, erschien dann jedoch wie von einem »stummen und bösen Geist« erfüllt und lief schreiend zum Eingang, wo sie niederstürzte. Sämtliche Anwesenden, die prophetai eingeschlossen, rannten von Panik ergriffen davon. Der Bericht erzählt weiter, daß man die Seherin bei der Rückkehr halb erholt wiederfand, daß sie jedoch innerhalb weniger Tage verschied.16 Da Plutarch den Vorfall vermutlich so wiedergibt, wie er ihm von einem der dabei anwesenden prophetai geschildert wurde, haben wir keinen Grund, an der Wahrheit der Geschichte zu zweifeln.17

Doch derlei neurotischen Ausrutschern zum Trotz blieb der Rat des Delphischen Orakels bei den traditionshungrigen, an einem intellektuellen Griechen-Trauma leidenden Römern weiterhin geschätzt. Der letzte, der dort vorstellig wurde, war mein kaiserlicher Namensvetter Julian (»Apostata«), der im Anschluß an einen weiteren Namensvetter (den Autor eines nach dem Diktat halluzinierter Götter verfaßten Texts über die »Orakel der Chaldäer«) die alten Götter wiederzuerwecken versuchte. Im Zuge seiner persönlichen Suche nach Autorität unternahm er es im Jahr 363 n. Chr., drei Jahre nachdem der Ort von Kaiser Konstantin geplündert worden war, das Delphische Orakel wieder zu Glanz und Ehren zu bringen. Durch den Mund der noch verbliebenen Priesterin prophezeite Apollon, daß er fortan nie wieder prophezeien werde. Und diese Prophezeiung hat sich erfüllt. Wieder einmal war für die bikamerale Psyche das Ende eines von ihren zahlreichen Enden gekommen ...


Sibyllen

Das Zeitalter des Orakulierens erstreckt sich über das gesamte Jahrtausend nach dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche. Und während es langsam ausklingt, tauchen da und dort Amateurorakel auf (wie man sie etwas salopp bezeichnen könnte): Menschen, die sich in spontanem Erleben, ohne Schulung und institutionellen Hintergrund, von Göttern ergriffen fühlten. Kein Zweifel, daß manche von ihnen nur schizophrene Abstrusitäten daherschwatzten. Wahrscheinlich waren es sogar die meisten; die das taten. Andere dagegen traten mit einer Überzeugungskraft auf, die Glauben erzwang. Zu diesen rechnet auch jene kleine, mit letzter Genauigkeit nicht zu beziffernde Zahl von absonderlichen, wundersamen Frauen, die als »Sibyllen« (von aiolisch sios = Gott + bule = Rat) in die Geschichte eingegangen sind. Nach Varros Zählung lebten zu einem bestimmten Zeitpunkt während des ersten Jahrhunderts v. Chr. mindestens zehn solcher Sibyllen über den gesamten Mittelmeerraum verteilt. Aber zweifellos gab es in entlegeneren Regionen noch mehr von ihnen. Sie führten ihr einsames Leben bisweilen hoch verehrt in Bergheiligtümern, die man eigens für sie angelegt hatte, bisweilen – wie die überragende cumäische Sibylle – in unterirdischen Kalktuffhöhlen nahe dem ächzenden Ozean. Der Sibylle von Cumae hat wahrscheinlich Vergil um 40 v. Chr. einen persönlichen Besuch abgestattet, bevor er das Sechste Buch seiner »Aeneis« niederschrieb, in dem er das Rasen der Seherin unter dem Ansturm des göttlichen Phoebus schildert.

Ähnlich wie die Orakel wurden auch die Sibyllen von hoch und niedrig um Entscheidungen in problematischen Angelegenheiten angegangen, und das noch im dritten Jahrhundert n. Chr. Ihre Auskünfte waren von solch moralischer Inbrunst durchsetzt, daß selbst die frühen christlichen Kirchenväter und das hellenistische Judentum sie als gleichrangig mit den alttestamentarischen Propheten gelten ließen. Insbesondere bediente sich die frühchristliche Kirche (nicht selten gefälschter) sibyllinischer Orakel, um ihre eigene göttliche Sendung unter Beweis zu stellen. Noch über ein Jahrtausend später fanden vier Sibyllen (ich zähle die »Delphische« nicht dazu), von Michelangelo gemalt, auf der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan ein Unterkommen. Und nochmals ein paar Jahrhunderte später blickten Kopien der gleichen athletischen Damen mit den aufgeschlagenen Orakelbüchern in den Händen den verschüchterten Schreiber dieser Zeilen in einer unitarischen Sonntagsschule Neuenglands von oben herab an. Was zeigt, wie sehr unsere Institutionen hungern und dürsten nach Beglaubigung durch autoritative Instanzen.

Und als auch die Zeit der Sibyllen um war und die Götter nicht länger in menschlichen Leibern Wohnung nehmen und aus ihnen heraus prophezeien und orakeln wollten – da begibt sich die Menschheit auf die Suche nach neuen Mitteln und Wegen, die »Störungen« (so könnte man sagen) aus den Beziehungen zwischen Himmel und Erde herauszubringen. Neue Religionen treten auf: das Christentum, die Gnosis, der Neuplatonismus. Neue Verhaltensmaßregeln werden ausgegeben, so etwa von der stoischen und der epikureischen Philosophie, um ihrer Götter beraubte Menschen in ein Verhältnis zur endlosen Bewußtseinslandschaft der neuerdings spatialisierten Zeit einzugewöhnen. In ungeahntem Maßstab greifen Institutionalisierung, Verfeinerung und Differenzierung mantischer Techniken in Assyrien um sich: Die Mantik wird zu einem Bestandteil der Staatsverfassung, das die offizielle Entscheidung wichtiger Fragen besorgt. Wie zuvor die griechische Zivilisation in den Orakeln einen göttlichen Rückhalt besessen hatte, so findet ihn jetzt die römische in Auspizien und Augurien.


Renaissance der Idolatrie

Aber selbst diese können das Verlangen des gemeinen Mannes nach Transzendenzerfahrung nicht vollauf stillen. Nachdem Orakel und Propheten den Dienst versagt haben, stellt sich gleichsam zum Ersatz eine neubelebte Idolatrie ähnlich derjenigen der bik ameralen Zeiten ein.

In den bikameralen Hochkulturen war, wie wir gesehen haben, eine Vielfalt von Groß- und Kleinplastiken als Halluzinationshilfen in Gebrauch. Doch als im Zuge der Umstellung auf das subjektive Bewußtsein die halluzinierten Stimmen verstummten, geriet damit auch der Bilderdienst ins Abseits. Die Idole wurden größtenteils zerstört. Spätbikamerale Reiche hatten auf Geheiß ihrer eifersüchtigen Götter stets die Idole gegnerischer Götter oder Herrscher zertrümmert. Und diese Praxis geriet erst recht auf Touren, als die Idole nichts mehr von sich hören ließen und daher die andachtsvolle Verehrung einbüßten. Im siebten Jahrhundert v. Chr. ließ König Josia alle Idole in seinem Herrschaftsbereich vernichten. Unentwegt werden im Alten Testament »Götzenbilder« zerstört und Flüche auf die Häupter derjenigen gehäuft, die neue anfertigen. Um die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. ist der Bilderdienst ein nur noch vereinzelt und sporadisch auftretendes und aufs Ganze gesehen bedeutungsloses Phänomen.

Merkwürdigerweise stößt man um die gleiche Zeit auf den durchaus abseitigen Kultgebrauch des Halluzinierens unter Zuhilfenahme abgetrennter Menschenhäupter. Herodot berichtet (4, 26) von der Sitte des obskuren Volks der Issedonen, die Schädel von Toten zu vergolden und ihnen zu opfern. Kleomenes von Sparta soll das Haupt des Archonides in Honig konserviert und es vor jedem wichtigen Schritt um Rat gefragt haben. Auf mehreren etruskischen Vasen aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. ist die Befragung orakelnder Menschenköpfe dargestellt.18 Und Aristoteles erwähnt spöttisch den abgetrennten Kopf bei ländlichen Kariern, der noch im Tode zu »sprechen« fortfuhr.19 Damit ist dieses Thema praktisch schon erschöpft. Seitdem das subjektive Bewußtsein im allgemeinen Dasein fest verankert ist, ist eben für die Praxis des Halluzinierens unter Verwendung von Idolen nur mehr versprengt ein äußerst knapper Spielraum übrig.

Doch mit dem Anbruch der christlichen Ära, in der die Orakel durch Verspottung und Lächerlichmachen zum Verstummen gebracht werden, kommt es zu einer wahren Renaissance der Idolatrie. Die Tempel, die Hügel und Städte im niedergehenden Griechenland und im aufsteigenden Rom weiß färbten, wurden jetzt mit Götterstandbildern über Götterstandbildern vollgestopft. Im ersten nachchristlichen Jahrhundert sah dann der Apostel Paulus, als er nach Athen kam, voller Grimm »die Stadt voller Götzenbilder« (Apostelgeschichte 17, 16), und Pausanias, dem wir vor wenigen Seiten in Lebadeia begegnet sind, stolpert auf seinen Reisen förmlich an allen Ecken und Enden über Idole von jeder nur denkbaren Art: aus Marmor oder Elfenbein, vergoldet oder bemalt, mannshoch oder, wie es zuweilen vorkam, bis zur Höhe von zwei- oder dreistöckigen Häusern aufragend.

»Sprachen« diese Idole zu ihren Anbetern? Ohne Frage kam das in der Weise wie in den bikameralen Zeiten noch gelegentlich vor. Aber im ganzen genommen ist es für die Zeit nach Anbruch der subjektiven Ära sehr zu bezweifeln, daß derlei Stimmphänomene noch besonders häufig spontan (nicht induziert) aufgetreten wären. Sonst wäre nämlich kein so großes und immer größeres Aufheben gemacht worden um die künstlichen – magischen oder chemischen – Mittel und Wege, auf denen von den steinernen oder elfenbeinernen Göttern halluzinierte Botschaften zu erlangen waren. Und auch hier läßt sich wieder der Eintritt des allgemeinen bikameralen Paradigmas in die Geschichte beobachten: der kollektive kognitive Imperativ, die Induktion, die Trance und die archaische Autorität.

In Ägypten, wo die Bruchstelle zwischen Bikameralität und Subjektivität nicht so scharfkantig ausgefallen ist wie bei regsameren und bewegteren Völkerschaften, entwickelt sich das sogenannte hermetische Schrifttum. Es umfaßt eine Reihe von Papyri mit Schilderungen der verschiedenartigen Induktionsprozeduren, die angesichts versiegender bikameraler Gewißheit aufgekommen waren und in der neuen Welt des Bewußtseins Verbreitung gefunden hatten. Auf einem davon findet sich ein Dialog, der (nach dem griechischen Gott der Heilkunst) als »Asklepios« bezeichnet wird und in dem eine Technik angegeben ist, wie man unter Verwendung von Kräutern, Edelsteinen und Düften die Seelen von Dämonen und Engeln in Statuen bannen kann, so daß die Statuen hinterher reden und weissagen können.20 Andere Papyri enthalten weitere Rezepte für die Verfertigung und Belebung von Statuen, so etwa Hinweise, wann sie hohl zu lassen sind, um einen auf Blattgold geschriebenen magischen Namen aufnehmen zu können.

Im ersten nachchristlichen Jahrhundert sind derlei Praktiken so gut wie in der gesamten zivilisierten Welt verbreitet. Klatschgeschichten über Wunderleistungen öffentlicher Kuhstandbilder wuchsen sich in Griechenland zur Legende aus. In Rom verehrte Nero eine Statuette, die Verschwörungen aufdeckte.21 Dem Apuleius wurde vorgeworfen, ein solches Wunderbild im Privatbesitz zu haben.22 Bis zum zweiten Jahrhundert n. Chr. war die Verbreitung halluzinogener Idole dann so allgemein geworden, daß Lukian sich veranlaßt sah, in seinem »Philopseudes« die Statuengläubigkeit seiner Zeitgenossen der satirischen Verspottung preiszugeben. Und Iamblichos aus Chalkis, der neuplatonische Apostel der »Theurgie« (wie er das in seiner Schrift »Peri agalmaton« nannte), bemühte sich nachzuweisen, »daß die Idole göttlich und von der Gegenwart Gottes erfüllt sind«, womit er den wütenden Verdammungsurteilen christlicher Kritiker zum Trotz dem Feuer der Begeisterung für diese Statuen neue Nahrung zuführte. Die Schüler des Iamblichos gewannen ihren Götterbildern Orakel jeglicher Art und Couleur ab. Einer dieser halluzinierenden Geisterseher brüstete sich, er sei in der Lage, ein Standbild der Hekate zum Lachen und die Fackel in ihrer Hand zur Selbstentzündung zu bringen. Noch Cyprianus, der in Ehren ergraute Bischof von Karthago, beklagte sich im dritten Jahrhundert über die »Geister, die unter Statuen und geweihten Bildern lauern«.23 Dank der Anstrengung, nach dem Scheitern von Orakeln und Propheten die bikamerale Psyche neu zu beleben, war die gesamte zivilisierte Welt im Rahmen einer bemerkenswerten Renaissance der Idolatrie Schauplatz einer Epiphanie des Göttlichen in Statuen jeglicher Art und Gestalt.


Wie hat man sich den Glauben an diese Dinge zu erklären? Wir befinden uns doch bereits weit im subjektiven Zeitalter, die Menschen rühmten sich seit la ngem ihrer Vernünftigkeit und ihres klaren Verstandes und hatten immerhin auch schon begriffen, daß es so etwas wie halluzinatorische Trugbilder gab – wie konnten sie da allen Ernstes glauben, daß ihren Statuen reale Gottheiten innewohnten? Und daß sie wirklich und wahrhaftig sprachen?

Um das zu verstehen, müssen wir uns den nahezu universellen Glauben jener Jahrhunderte an den absoluten Dualismus von Geist und Materie in Erinnerung rufen. Geist oder Seele oder Bewußtsein (man traf da keine klaren Untersche idungen) war etwas, das vom Himmel herab in den stofflichen Körper eingegossen war, um ihn zu beleben. In diesem Punkt waren sich sämtliche neuen Religionen jener Epoche einig. Und wenn eine Seele in eine so hinfällige Sache, wie das Fleisch es ist, eingehen und sie beleben kann – in einen verwundbaren Madensack, in den zu seiner Erhaltung am einen Ende pflanzliche und tierische Stoffe hineingestopft werden müssen, die dann am anderen Ende unter Entwicklung von üblen Gerüchen wieder ausgeschieden werden; ein von Sinnlichkeit zerfressenes Gefäß der Sünde, das mit den Jahren Runzeln zieht, von Blähungen geplagt und von grausamen Krankheiten heimgesucht wird und mit dem gleichen Akt, der auch eine Zwiebel spaltet, im Handumdrehen von der ihm einwohnenden Seele zu trennen ist – um wieviel eher läßt sich dann Leben, göttliches Leben, vom Himmel herab eingießen in ein Standbild von unverwundbarer Schönheit mit seinem makellosen Körper aus nichtwelkendem Marmor oder für Krankheiten unangreifbarem Gold! So schreibt zum Beispiel Kallistratos im vierten Jahrhundert n. Chr. über ein Asklepios-Standbild aus Elfenbein und Gold:


Sollen wir zugeben, daß der göttliche Geist herabsteigt in Menschenkörper, um dort sogar von Leidenschaften befleckt zu werden, das gleiche jedoch abstreiten in einem Fall, wo durchaus kein Zeugen von Übel damit verbunden ist?... denn seht, wie eine Statue, nachdem die Kunst einen Gott in ihr abgebildet hat, sogar in den Gott selbst übergeht! Obzwar Materie, tut sie doch göttliches Wissen kund.24


Und sowohl der Autor wie auch der größte Teil seiner Zeitgenossen glaubten daran.

All das ließe sich heute sehr viel anschaulicher demonstrieren, hätte nicht Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert n. Chr. – hierin ganz ähnlich wie tausend Jahre früher König Josia in Israel vorgehend – seine Armeen von neugetauften Christen mit Hämmern in die vormals bikamerale Welt ausgesandt, damit sie jeglichen materiellen Überrest von Bikameralität, den sie entdecken würden, zertrümmerten. Nach dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche ist jeder Gott ein eifersüchtiger Gott.

Doch selbst dieses Zerstörungswerk vermochte mit der Idolatrie nicht vollständig aufzuräumen: so essentiell ist dem Menschen das Verlangen nach irgendeiner autoritativen Beglaubigung seines Verhaltens. Im Italien und Byzanz des Mittelalters glaubte man an die Macht magischer Standbilder, Unheil zu bannen. Gegen die berühmtberüchtigten Tempelherren wurde immerhin die Anschuldigung erhoben, sie nähmen Befehle von einem goldenen Kopf entgegen, der Baphomet heiße. Im ausgehenden Mittelalter erfreuten sich halluzinogene Idole solcher Beliebtheit, daß Papst Johannes XXII. in einer Bulle aus dem Jahr 1326 seinen Bannfluch gegen jedermann richtete, der mittels Zauberei Dämonen in ein Bildwerk oder sonstigen Gege nstand banne, um sich von ihnen Fragen beantworten zu lassen. Noch bis zur Reformationszeit konkurrierten Klöster und Wallfahrtskirchen mittels wunderwirkender Statuen miteinander um die Pilger (und ihre Opfergaben).

Zu manchen Zeiten – wahrscheinlich immer dann, wenn die kognitiven Imperative hinter derartigen neobikameralen Erlebnissen unter dem Druck aufklärerisch-rationalistischer Tendenzen ins Wanken gerieten – wurde dem Glauben an lebende Statuen von Fall zu Fall mit betrügerischen Machenschaften nachgeholfen.25 Um nur eines von zahlreichen Beispielen zu zitieren: Zu Boxley wurden an einem mannshohen mittelalterlichen Crucifixus, der in der Gegenwart von Büßern die Augen rollte, Tränen vergoß und Schaum vorm Mund trug, im sechzehnten Jahrhundert »gewisse Maschinerien und alte Drähte zusammen mit alten, verfaulten Stöcken im Rücken desselben«26 entdeckt. Doch sollten wir derlei nicht nur durch die Brille des Zynikers betrachten. Zwar ist es sicher nicht zu leugnen, daß diese artifiziell belebten Statuen hä ufig keinen anderen Zweck hatten, als den wundergeilen Pilger hinters Licht zu führen; andererseits mag es durchaus auch Fälle gegeben haben, wo die Absicht darin bestand, den Gott mit einer lebensechteren Statue um so eher zur Herniederkunft und Verkörperung zu bewegen. Ein Traktat aus dem vierzehnten Jahrhundert erklärt zu diesem Thema: »Gottes Wunderkraft erfüllt mit ihrem Leuchten manche Bildwerke mehr als andere.«27 Nicht anders begründen noch heute manche Stammeskulturen, warum sie ihre Idole mechanisch beleben.


Idolatrie ist bis auf den heutigen Tag wirksam geblieben als soziale Bindekraft – was ja von allem Anfang an ihre eigentliche Funktion war. In unseren Volksgärten und öffentlichen Anlagen haben die Denkmäler verflossener Führerfiguren noch heute eine blumenreiche Heimstatt. Zwar sind wohl nur wenige von uns noch in der Lage, sie sprechend zu halluzinieren, doch hat der Brauch sich kaum verändert, ihnen bei passenden Gelegenheiten Spenden (in Form von Kränzen) darzubringen gleich den Spenden, die (wenn auch in bedeutend größerem Umfang) in den gigunu von Ur geopfert wurden. In Kirchen, Tempeln und Heiligtümern allüberall auf der Welt werden bis auf den heutigen Tag aus Stein gehauene oder aus Holz geschnitzte oder aus Gips geformte, bemalte oder unbemalte religiöse Bildwerke aufgestellt und verehrt. Püppchen, die die Himmelskönigin darstellen, baumeln schutzgewährend an den Rückspiegeln vieler Autos. Weibliche Teenager, Zöglinge tiefreligiöser Klosterschulen, haben dem Autor in persönlichen Unterredungen gestanden, daß sie nicht selten in tiefer Nacht sich heimlich in die Kapelle hinabstehlen, und sie verschwiegen dabei auch nicht, wie freudig erregt sie sich fühlen, die Statue der Jungfrau Maria sprechen zu »hören« und zu »sehen«, wie sie die Lippen bewegt oder das Antlitz neigt oder – was gelegentlich ebenfalls vorkommt – Tränen vergießt. In weiten Teilen der katholischen Welt werden noch heute an bestimmten Festtagen milde dreinblickende Idole von Jesus, Maria oder einem Heiligen gewaschen und eingekleidet und beweihräuchert und mit Blumen bekränzt und mit Edelsteinen geschmückt, um alsdann mit großem Pomp auf Schultern aus glockentönenden Kirchen hinaus und in Prozession durch die Straßen oder über die Felder getragen zu werden. Besondere Speisen als Opfergaben vor diesen Bildern abzulegen, vor ihnen zu tanzen oder sich zu verneigen verfehlt noch heute nicht, eine Stimmung numinoser Erregtheit hervorzubringen.28 Derlei Andachtshandlungen unterscheiden sich von ähnlichen Ausflügen der Gottheiten ins Freie, wie sie vor viertausend Jahren im bikameralen Zweistromland stattgefunden haben, hauptsächlich darin, daß die Idole von heute sich verhältnismäßig schweigsam zeigen.

EINFÜHRUNG | ERSTES BUCH | ZWEITES BUCH | DRITTES BUCH

1. Erstes Kapitel: Das Streben nach Autorisierung

2. Zweites Kapitel: Von Propheten und Besessenheit

3. Drittes Kapitel: Von Dichtung und Musik

4. Viertes Kapitel: Die Hypnose

5. Fünftes Kapitel: Die Schizophrenie

6. Sechstes Kapitel: Die Augurien der Wissenschaft